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1969
 
 

Sächsische Zeitung Dresden (Kultur ), 12.12.2002 Jugend-Projekt
Filmen zwischen Grenzen
“Bordercrosser³ kommt zurück an Drehorte in Deutschland, Polen und Tschechien Mit Kameras und Mikrofonen zogen Jugendliche durch das Dreiländereck. Entstanden ist ein Film, der am Wochenende an den Drehorten gezeigt wurde: in Ostritz, Krzewina und Andelka. Annegret Schneider Obwohl es ein kalter Sonntagnachmittag ist, sind fast 40 Leute in den Gasthof von Andelka gekommen. Das tschechische Dorf liegt an der polnischen Grenze. Vier Kilometer westwärts beginnt Deutschland. Im Sommer 2001 tauchten hier plötzlich Jugendliche mit Kameras und Mikrofonen auf. Sie filmten, was ihnen vor die Nase kam. 240 Einwohner gibt es hier am Ende der Welt, das kaum zu erreichen ist, wenn auf der schmalen Bergstraße Schnee liegt. Über die jungen Leute hat man in Andelka lange gesprochen. Vor allem über die Fragen, die sie gestellt haben. “Wir wollten wissen, wo die Menschen geboren sind, welche Erinnerungen sie an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben, und ob sie oft nach Polen oder Deutschland fahren³, sagt Karolina Jakubowska. Die 19-Jährige Tschechin hat bei dem Video-Workshop im Begegnungszentrum in Großhennersdorf bei Zittau mitgemacht ­ ohne Ahnung von Kameraführung, Schnitt oder Tontechnik. Genau richtig für ihr Projekt, fand Ina Pillat. “Manche Regisseure arbeiten mit Laien-Schauspielern, ich gehe einen Schritt weiter und setze Laien-Filmer ein.³ Die Berlinerin schickte die 18 Jugendlichen im Grenzgebiet auf Spurensuche. “Jeder wusste, dass da irgendwas mit Vertreibung war³, sagt Pillat. “Die Fakten fehlten.³ Das änderte sich bei den Dreharbeiten. Karolina und die anderen trafen Erika Spackova, die deutsche Eltern hatte und trotzdem in Andelka blieb. “Mein Vater war Spezialist für Betonplatten, und den wollten sie behalten³, sagt die 62-Jährige. Sie hat ihre Geschichte im Film erzählt: Wie es war, als plötzlich viele Nachbarn weg waren und keiner mehr Deutsch sprach. Und von der tschechischen Freundin, die schneller ihre Sprache lernte, als Erika Spackova Tschechisch konnte. Auch ihr Schwiegersohn ist in den Gasthof gekommen. “Die Sachen von Andelka waren gut ausgewählt³, sagt Jaroslav Starove (41). Schlecht fand er die Teile, die in Polen spielen. “Alles ist dort so runtergekommen.³ Dabei ist Krzewina nur drei Kilometer von Andelka entfernt. Für Jaroslav Starove liegen Welten zwischen den drei Dörfern, deren Geschichte der Film “Bordercrosser³ erzählt. Früher sei er oft in Deutschland zum Einkaufen gewesen. Jetzt nicht mehr, weil es zu teuer ist. Nach Polen fährt er überhaupt nicht. Auf das Land ist er im Moment nicht gut zu sprechen. Die Frydlanter Firma, bei der er arbeitet, will demnächst aus Kostengründen in Polen produzieren. Und das, obwohl die dort gar nicht richtig arbeiten könnten, sagt Jaroslav. Wäre er dem Kamerateam damals über den Weg gelaufen, könnte auch seine Geschichte Teil des Films sein. “Bordercrosser³ zeigt, wie Menschen heute mit Geschichte umgehen, wie sie leben, warum sie hier leben. Es ist ein ständiger Wechsel der Perspektiven: deutsche, polnische und tschechische, alte und junge, nationalistische und europäische. Am unteren Rand zeigen Landesfarben, auf welcher Seite der Grenze das Kamerateam gerade gedreht hat. “Es geht in dem Film um Vorurteile und die Frage, woher die kommen³, sagt Ina Pillat. Nach der Aufführung im Gasthof von Andelka gehen die meisten schnell nach Hause. “Die haben etwas Starkes erlebt³, sagt Bürgermeisterin Marie Matuskova. Die Älteren müssen Erinnerungen verarbeiten. Bei den Aufführungen in Ostritz und Krzewina war das anders, es gab Debatten, Diskussionen, manchmal Streit. Angetrunkene Typen, schrottreife Mofas (Foto) “Bordercrosser³ zeigt mehr als Erinnerungen an die Nachkriegszeit. Es ist ein Film über junge Leute, die sich ihrer Geschichte nähern. “Nur wer die kennt, kann mit ihr umgehen³, sagt Pillat. Während der Dreharbeiten seien die Jugendlichen selbstbewusst geworden. “Die haben auch die Freaks aufs Korn genommen.³ Angetrunkene Typen, die auf schrottreifen Mofas über Straßen brettern. Ehepaare, die sich streiten, weil sie nicht mehr genau wissen, wo sie einmal gewohnt haben. Junge Männer, die Polen nicht in der EU haben wollen, aber dort Zigaretten kaufen. Vom “Bordercrosser³-Projekt soll es bald eine DVD geben. Danach will Ina Pillat weitermachen. “Ich hab das Gefühl, ich muss hier bleiben und drehen.³ Einige Menschen aus dem Film seien gestorben. Viele Geschichten sind noch nicht erzählt. “Es ist anders, wenn du die Leute kennst. Dass meine Großeltern mit ihrem Beutel tschechischer Heimaterde begraben werden wollten, hab ich erst jetzt verstanden.³

www.bordercrosser.org